|
SERVICE
NEWS
25.11.2008
Spielklassen-Pyramide gerät ins Wanken
Strukturreform nimmt Formen an / Künftig nur noch vier
statt fünf Regionalligen und zwölf statt 16 Oberligen
OBERHAVEL
Der deutsche Handball steht vor der größten strukturellen Veränderung seit fast
20 Jahren. Denn die so gut wie beschlossene Einführung einer eingleisigen 2.
Liga bringt die gesamte Statik der Spielklassen-Pyramide unterhalb der
Handball-Bundesligen (HBL) ins Wanken.
Hintergrund sind bessere Vermarktungschancen - für die ersten beiden Ligen und
die großen Clubs. Auch will man das große Leistungsgefälle zwischen 1. und 2.
Bundesliga verringern.
Kleine, finanzschwache Vereine müssen nun zusehen, wie sie mit den neuen
Rahmenbedingungen zurechtkommen. Ebenso wie die Regional- und Landesverbände.
Deren Präsidenten sowie Vertreter der HBL und das Präsidium des Deutschen
Handball-Bundes (DHB) trafen sich am Wochenende im Rahmen einer erweiterten
Präsidiumssitzung in der Zentrale des DHB in Dortmund, um auf die zur Debatte
stehende Zusammenführung der 2. Bundesliga Nord und Süd zu reagieren. Die
Reaktion sieht wie folgt aus: Künftig wird es unterhalb der HBL nur noch vier
dritte Ligen mit je 16 Teams geben. Von den derzeit fünf Regionalligen (Nord,
Nordost, West, Südwest, Süd) fällt also eine komplett weg. Auch ist geplant, die
derzeit 16 Oberligen nach dem Vorbild der Oberliga Berlin-Brandenburg auf nur
noch zwölf vierte Ligen zusammenzuschmelzen. In Planung ist das alles bereits
für die Spielzeit 2010/2011. NOHV-Vizepräsident und Leiter Spieltechnik Gerd
Gärber sagt: "Es ist so gut wie sicher: Die viergleisige dritte Liga kommt. Die
rechtlichen Grundlagen sollen Anfang März geschaffen werden." Die kommende
Saison (2009/2010) dürfte demnach vor allem vom Überlebenskampf kleiner Vereine,
wie etwa dem Oranienburger HC in der Regionalliga Nordost, geprägt sein.
Dass dabei noch viele Fragen ungeklärt sind, liegt in der Natur der Sache. Denn
aus einer inzwischen fast 20 Jahre alten, komplexen Struktur eine einfache zu
machen, ist schwierig. Kompliziert ist die ganze Angelegenheit nicht nur wegen
der ganzen Rechnerei (wer, wann, wie ab- und aufsteigt), sondern auch, weil
hinter den Kulissen viele Parteien ihre Interessen durchsetzen wollen. Das hat
schon die Vergangenheit gezeigt, in der bereits einige Versuche unternommen
wurden, das Spielklassen-System und die komplizierte Verbandsstruktur
transparenter zu gestalten. Wolfgang Hartisch (69), heute Alterspräsident des
Handball-Verbandes Brandenburg, war vor gut drei Jahren Vorsitzender einer
Kommission der insgesamt fünf Regionalverbände, die am Ende vorschlug, die 22
Landesverbände auf die fünf Regionalverbände neu aufzuteilen und damit die
Regionalligen neu zu gliedern. "Letztlich scheiterte der Ansatz unter anderem am
Nein von Schleswig-Holstein und Hamburg, die aus historischen Gründen nicht
bereit waren, sich mit Niedersachsen zu einem Verband zusammenzuschließen. Da
spielten Gründe eine Rolle, über die schüttelten wir damals nur den Kopf. Aber
sei es drum. Der jetzige Ansatz ist vielleicht sogar noch besser", so Hartisch.
Denn er lasse die Befindlichkeiten der einzelnen Regionalverbände, wie etwa den
Nordostdeutschen Handball-Verband, außen vor - egal wer in Zukunft die
Organisation der dritten Ligen übertragen bekommt.
Ein dickes Fragezeichen steht vor allem hinter dem Qualifikationsmodus für die
neu strukturierten Ligen unterhalb der Bundesliga. "Das wird noch richtig heiß",
so Hartisch. Dabei könnte bereits in der kommenden Saison der Kampf um die
begehrten Plätze beginnen. Hier ein denkbarer Ansatz: Die ersten acht Teams der
2. Liga Nord und Süd qualifizieren sich für die neue eingleisige 2. Bundesliga.
Daneben findet zwischen den beiden Neuntplatzierten eine Relegation statt. Der
Verlierer dieses Vergleichs könnte zusammen mit den beiden Zehntplatzierten
sowie den fünf Meistern der Regionalligen in zwei Vierergruppen um zwei weitere
Plätze spielen. Die 2. Liga käme dann auf 20 Startplätze. In den vier dritten
Ligen à 16 Teams stünden ab der Saison 2010/2011 nur noch insgesamt 64
Startplätze zur Verfügung (bislang 80). Allein 16 Startplätze würden von den
Zweitliga-Absteigern besetzt. Hinzu kämen die sechs nicht qualifizierten Teams
aus der Zweitliga-Relegation. Blieben noch 42 Startplätze für die vier neuen
dritten Ligen. Mindestens über 40 Prozent aller jetzigen Regionalliga-Clubs
blieben damit auf der Strecke. Ein möglicher Modus wäre (geographische
Gesichtspunkte einmal ausgenommen.), dass sich die Plätze zwei bis acht der fünf
Regionalligen direkt für die neuen dritten Ligen qualifizieren (35 Teams). Um
die restlichen sieben Plätze könnten die jeweiligen Neuntplatzierten zusammen
mit den 16 Oberliga-Meistern in Relegationsturnieren streiten. Das ist
allerdings lediglich ein Modell.
Der Fahrplan bis zum endgültigen Beschluss sieht wie folgt aus: Die
Strukturkommission des erweiterten DHB-Präsidiums hat sich am Wochenende in drei
Untergruppen aufgeteilt - Spieltechnik, Schiedsrichterwesen sowie rechtliche
Grundlagen. Diese erarbeiten bis spätestens Ende Februar weitere Vorschläge für
mögliche Beschlussfassungen. Am 6. März wird dann - voraussichtlich wieder in
Dortmund - darüber abgestimmt. Ebenso über die eingleisige 2. Bundesliga.
Für die einzelnen Landesverbände hat die Reform natürlich ebenfalls
weitreichende Konsequenzen - bis hinunter zu den Landesligen. Beim HV
Brandenburg ist man vorbereitet und hat selbst eine eigene Strukturkommission
eingesetzt. Und die plant einen großen Coup: Die Oberliga Berlin-Brandenburg
soll um den Landesverband Mecklenburg-Vorpommern erweitert werden, zu einer
möglichen Oberliga Nordost. Alle drei betreffenden Verbände haben bereits ihre
Zustimmung für eine solche Lösung signalisiert. "Erste Sondierungsgespräche dazu
finden am 6. Dezember in Berlin statt", so HVB-Präsident Olaf Ermling, der
verspricht, die Konsequenzen aus der Reform für seine Verbandsmitglieder so
sanft wie möglich abzufedern. Bereits am kommenden Wochenende werden auf einer
erweiterten Präsidiumssitzung des HVB Vorschläge zu einer Neugliederung der
Spielklassen vorgestellt. Ermling: "Diese sollen sich auch am demografischen
Wandel in Brandenburg orientieren."
Die Vereine in Oberhavel verfolgen die Entwicklung natürlich mit großem
Interesse - vor allem Regionalligist Oranienburger HC. "Das ist eine extrem
anspruchsvolle Sache, aber wir müssen und werden uns jeder Entscheidung und
Veränderung stellen", so OHC-Präsident Werner Siegler. Dass durch eine neu
strukturierte Regionalliga (eventuell unter dem Namen 3. Liga Nord) die
Fahrtkosten viel höher würden, glaubt Siegler nicht. Trotzdem käme es an einer
anderen Stelle wohl zu einer Kostenexplosion. "Um konkurrenzfähig zu bleiben,
müssten wir noch mehr Qualität verpflichten. Und die ist teuer."
Eine großer Anreiz wäre die neue 3. Liga für den OHC auf jeden Fall. Zumal die
sich auch besser vermarkten ließe. Und nimmt man die zuletzt gezeigten
Leistungen (13:1-Punkte aus sechs Spielen) als Grundlage, dann haben die
Oranienburger auch sportlich das Zeug dazu, sich den verschärften
Wettbewerbsbedingungen in der kommenden Saison zu stellen.
Presseartikel Oranienburger Generalanzeiger, Thomas Gutke, 25.11.2008
|