04 Mär 2018

Oranienburger HC - HF Springe 31:24 (MAZ)

OHC-Kapitän Robin Manderscheid (r.) sah die rote Karte. Dennoch siegte sein Team. OHC-Kapitän Robin Manderscheid (r.) sah die rote Karte. Dennoch siegte sein Team. Robert Roeske

Initialzündung nach Roter Karte

Oranienburger HC spielt sich gegen die Handballfreunde Springe in einen Rausch. Schlüsselszene beim Sieg gegen den Tabellendritten war dabei kurioserweise ein Platzverweis gegen OHC-Kapitän Robin Manderscheid.

Robin Manderscheid machte gute Miene zum bösen Spiel, er konnte nach dem Abpfiff des Drittligaspiels am Sonnabendabend noch lächeln. Der Kapitän des Oranienburger Handballclubs wurde bereits nach 22 Minuten mit einer roten Karte des Feldes verwiesen. Einhellige Meinung aus dem Oranienburger Lager: eine Fehlentscheidung. „Ganz klar: Es war keine rote Karte“, sagte der OHC-Spielführer selbst. „Ich hatte meine Arme unten und stand nur da. Robert Herz schob mich vielleicht noch ein bisschen. Der Springer Spieler kracht voll auf mich rauf, sein Kopf prallt auf meine Brust. Ein Stürmerfoul.“ Robin Manderscheid hofft, dass sich die Schiedsrichter die Szene auf dem Video ansehen und dann zu einem anderen Schluss kommen.

Diese Situation in der 22. Minute inklusive der Hinausstellung verlieh dem Spiel eine Wendung und sorgte bei den Oranienburgern für eine Initialzündung. Bis dahin hatten die Gäste aus Niedersachsen das Spiel von vorn geführt. Springe spielte dynamisch, agil, erarbeitete sich Chancen – und traf. Ganz anders der OHC; er kam nicht in die Gänge, patzte bei der Chancenverwertung, traf erst nach sieben Minuten zum ersten Mal, da führte Springe schon 3:0. „Da haben wir zu pomadig gespielt“, urteilte Oranienburgs Coach Christian Pahl. Der Tabellendritte legte weiter vor (5:2 und 7:3). „Hier hätten wir uns richtig absetzen müssen“, meinte Gäste-Linksaußen Fabian Hinz. Aber irgendwie blieb der OHC auf Tuchfühlung. Bis zu jener 22. Minute, als Robin Manderscheid und Ex-Nationalspieler Sebastian Preis kollidierten, rannte der OHC in gebührendem Abstand hinterher. „Die rote Karte gegen Robin trieb uns nach vorn, weil wir uns verarscht fühlten. Wegen so einer Entscheidung wollten wir das Spiel erst recht nicht verlieren“, sagte Rechtsaußen Nils Müller kopfschüttelnd. „Wir haben uns reingehängt – und es lief.“ Die Zuschauer kochten vor Wut. „Bis zu dem Zeitpunkt waren sie total ruhig, man hörte fast eine Stecknadel fallen“, rekapitulierte Trainer Christian Pahl. Zuschauer und Mannschaft peitschten sich gegenseitig an – in einer selten gesehenen Qualität. Nach den Toren von David Sauß (2), Dennis Schmöker und Per Kohnagel (mit der Pausensirene) stand es nach 30 Minuten plötzlich 11:11. „Wir verloren nach der roten Karte völlig den Faden – unverständlich“, beklagte Fabian Hinz, der noch Minuten nach dem Ende in der Halle saß und grübelte, wie sich das Blatt so wenden konnte. Und Christian Pahl, der die Disqualifikation gegen seinen Kapitän nicht nachvollziehen konnte, stellte nüchtern fest: „Am Ende muss ich mich bedanken, dass die Schiris uns mit ihrer Entscheidung ins Spiel gebracht haben – und die Halle auch.“ Eine Motivation für alle Grün-Weißen.

Nach Wiederanpfiff machte der OHC genau da weiter. Die Spieler zerrissen sich, kämpften einer für den anderen. Beim 12:11 lag der OHC das erste Mal vorn, beim 15:13 mit zwei Toren, beim 17:14 mit vier Toren. „Je länger das Spiel dauerte, um so mehr Spaß machte es“, so Nils Müller. Da tat es auch der Tatsache keinen Abbruch, dass die Gastgeber einen 19:16-Vorsprung in wenigen Minuten hergaben (19:19, 46.), auch wegen der jetzt offensiv operierenden Deckung der Gäste. Aber es war ein erneutes Wecksignal. Sieben Minuten später stand es 24:20, kurz danach 27:21. „Wir spielten uns in einen Rausch, wir brauchen diese Emotionen“, weiß Christian Pahl. Der OHC erkämpfte sich Bälle, Robert Herz machte einen Riesenjob, Hüseyin Öksüz steigerte sich und Torhüter Ivan Szabo lief zur Hochform auf Christoph Genilke fügte sich blendend ein, Per Kohnagel spielte ideenreich mit den Fäden und traf auch noch fünfmal. Springe agierte nun zahnlos. Die Fans waren in den Bann gezogen. „Wir haben gesehen, dass die Springer Abwehr verwundbar war“, so Nils Müller über den Mut im Angriff. Unter stehenden Ovationen zog der OHC bis zur letzten Sekunde durch und setzte dem ganzen noch die Krone auf: Per Kohnagel erzielte mit einem Kempator den letzten Treffer für die glückseligen Hausherren. „Wenn es läuft, dann gelingen auch solche Sachen“, sagte der Spielmacher lächelnd. „Der Sieg fiel am Ende etwas zu hoch aus, aber er ist auf jeden Fall verdient“, lautete das Fazit von Fabian Hinz. Springes Trainer Oleg Kuleschow, der frühere Weltmeister, war so bedient, dass er schnell im Mannschaftsbus verschwand, während seine Spieler noch lange duschten. Christian Pahl äußerte sich zur Szene des Abends so: „Robin hat überhaupt nicht aktiv eingegriffen. Aber wenn es uns hilft, machen wir es jede Woche so.“

Erleichtert zeigte sich nach Spielende auch Michael Hess, Leiter des OHC-Ordnungsdienstes, dass die hoch emotionale Stimmung aufgrund einiger fragwürdiger Schiedsrichterentscheidungen nicht eskalierte: „Hierfür bin ich unserem tollen fachkundigen Publikum sehr dankbar.“

Märkische Allgemeine Zeitung, Stefan Blumberg, 03.03.2018

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